Diskussionswürdig: die Schweinegrippe-Impfung
Ist es sinnvoll, im Herbst eine Massenimpfung gegen die Schweinegrippe vorzunehmen, oder nicht?
Darüber streiten sich derzeit Fachleute in Deutschland. Mehrere Arznei-Experten haben Bedenken angemeldet und halten die geplante Maßnahme angesichts des eher harmlosen Krankheitsverlaufs für nicht vertretbar.
Der Herausgeber des pharmakritischen „Arznei-Telegramms“ Wolfgang Becker-Brüser sieht die Massenimpfung als einen Großversuch an der deutschen Bevölkerung.
Die wenigen Sicherheitstests der Musterimpfstoffe würden nicht genug über Nebenwirkungen aussagen, die dann
aber bei einer Impfung im größeren Maßstab deutlicher und vielleicht auch verheerend ausfallen könnten.
Auch der Virologe Alexander Kekulé fragt, ob angesichts der meist harmlos verlaufenden Krankheit bei der Zulassung von Impfstoffen nicht weitere Sicherheitsebenen eingezogen werden sollten. Der Bremer Pharmakologe Peter Schönhofer verweist darauf, dass in den USA bereits in den 70er-Jahren ein Impfstoff gegen Schweinegrippe zurückgezogen werden musste. Bei Impfungen trat eine auffällige Häufung überschießender Immunreaktionen mit Nervenlähmungen auf.
Der jetzt entwickelte Impfstoff gegen die neue Grippe sei aber „nach demselben Strickmuster“ aufgebaut. Dringenden Handlungsbedarf sieht jedoch der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Europäischen Parlament, Jo Leinen (SPD). Er geht davon aus, dass im Herbst ein Anstieg der Schweinegrippe-Fälle in Europa von derzeit 24.200 Fällen auf eine Million Erkrankte – „sehr konservativ geschätzt“ – zu erwarten sei.
Da 150 Millionen Europäer mit einem Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus A/H1N1 versorgt werden müssen,
beunruhigt ihn eher, dass die Pharmaindustrie das Impfserum voraussichtlich erst im November liefern kann, was aber, sollte es zu einer Epidemie kommen, „definitiv zu spät“ sei.
Die Kosten einer Massenimpfung liegen, laut dem deutschen Gesundheitsministerium, bei 650 Millionen
Euro – wenn die Impfungen von den Gesundheitsämtern durchgeführt werden. Erheblich teuerer wird es, wenn niedergelassene Ärzte impfen: die Kosten belaufen sich dann auf 1 Milliarde Euro.
Trotzdem plädiert die Bundesärztekammer dafür, die Impfungen nicht nur den Behörden zu überlassen, sondern die Ärzte mit einzubeziehen. Wie man aktuellen Medienberichten entnehmen kann, hat die BRD bereits Impfdosen
in Millionenhöhe bestellt – noch bevor die Impfstoffstudie im August 2009 überhaupt begonnen hat. Zu einem
Zeitpunkt, an dem man nicht wissen kann, wie die Testergebnisse aussehen werden und ob gravierende Nebenwirkungen auftreten. Fast möchte man meinen, dass ein positiver Studienverlauf bereits im Voraus prognostiziert ist.